Der Winter fing irgendwann im Dezember an. Extreme Temperaturen, manchmal unter -20°C. Ideales Wetter zum Eislaufen in Fjällnora, einem Wintersportgebiet bei Uppsala. Desweiteren ideales Wetter zum Grillen. Zumindest laut Kerstin, einer Jurastudentin aus Heidelberg. Na dann mal los. Nach einer halben Stunde und ca. anderthalb Litern Brennspiritus ist der Grill soweit schnee- und eisfrei - es kann losgehen. Nach einer weiteren halben Stunde haben die ersten ihr auf Verzehrtemparatur aufgewärmtes Grillgut verspeist und ziehen sich mit vollem Magen und Erfrierungen zweiten Grades in die heimatliche Stube zurück. Was lernen wir daraus? "Toll, da brauchen wir ja garkeinen Kühlschrank für die Getränke!"
Zurück zu Fjällnora. Auf dem See ist eine wunderschöne, dicke Eisschicht. Die geliehenen Schlittschuhe sind toll, das Beschleunigen geht total einfach. Bremsen eigentlich auch - entweder 1.) einfach aufhören zu beschleunigen und ein bißchen warten, oder 2.) wenn's schnell gehen muß, sich einfach fallenlassen. Klappt todsicher und ist manchmal sogar lustig. Nicht so ganz lustig war, daß es plötzlich aus allen Himmeln zu schneien anfing und nicht mehr aufhören wollte - insbesondere angesichts der Tatsache, daß wir auf den Bus angewiesen waren, um zurückzukommen, waren wir doch 20 km weit weg von Uppsala. Mit jedem weiteren Zentimeter Schneefall machen sich Panik und Endzeitstimmung breit. Trotz einer Schneeschicht von 20-30 cm kommt nach einer halben Stunde der Bus. Wahnsinn. Die Schweden haben einfach Erfahrung.
Wir schreiben Februar. Marco beschwert sich erstmals bitterlich über die skandinavische Kälte und schwärmt von Italien. Linus vertröstet ihn auf Anfang März. Es ist mittlerweile Anfang März. Es schneit immer noch. Marco beschwert sich immer noch bitterlich. Linus vertröstet ihn noch zwei Wochen - es ist halt in diesem Jahr scheinbar ein besonders langer Winter. Nun gut. Marco fährt als Antwort darauf erstmal drei Wochen heim nach Italien, angeblich um irgendeine Klausur zu schreiben. Bei seiner Rückkehr Ende März liegt noch genausoviel Schnee wie eh und je. Marco wird unruhig. Er droht mit seiner Abreise, falls das so weitergeht. Seine Klausur in Italien war sicher nur eine Ausrede. In der ersten Aprilwoche kommen so langsam die ersten Sonnenstrahlen raus. Man sieht Marco nicht so richtig an, ob er Linus glaubt, daß der Schnee bald schmelzen wird, oder ob er es für einen Trick hält, mehr Zeit rauszuschlagen. Denn der Schnee bleibt weiterhin liegen. Allerdings ist der Himmel wolkenlos, somit scheint ab sofort die Sonne auf den Schnee, und nach einiger Zeit schimmert mancherorts schon der Bürgersteig durch's Eis - es wird Frühling.
Mittlerweile schreiben wir den 7. Juni. Der letzte Schnee ist lange verschwunden. Bemerkenswert ist vor allem der krasse Unterschied in der Tageslänge - die Sonne geht gegen 22:00 unter und um 03:40 wieder auf. Es wird praktisch nicht mehr dunkel, wie man auf dem nebenstehenden Bild bewundern kann (um 0:52 nachts von meinem Fenster aus aufgenommen). Und so sieht es praktisch ausnahmslos jede Nacht aus. Ein Traum. Man will garnicht schlafengehen. Ganz ehrlich. Wahrscheinlich sitze ich deswegen noch zu so später Stunde hier und blogge. Und unten sieht man einen typischen Sonnenaufgang. Wenn man sich den noch ca. 500 mal schöner vorstellt als auf dem Foto, mit richtig leuchtenden Farben und Sonnenstrahlen überall, dann sollte man ungefähr eine Vorstellung von dem Himmel hier haben. Hach, was für ein Leben.