Schweden 2005 / 2006

01.09.2005 01:03:20

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Hej och välkommen,
nach zwei Wochen Eingewöhnungszeit bin ich mittlerweile bereit, meine ersten Eindrücke in Worte zu fassen. Es werden größtenteils kurze Worte sein, da ich niemanden langweilen will, aber ich hoffe es reicht, um sich ein ungefähres Bild zu machen von dem, was hier los ist. Auf geht's. :)
01.09.2005 01:10:59Nach einem unproblematischen Flug und einem mit Bravour bestandenen Versuch, einen Geldautomaten zu bedienen um an den Gegenwert von 200 Euro in der Landeswährung zu kommen, tauchte schon gleich das erste Problem auf: Wie bekomme ich meine Bustickets nach Stockholm, um von dort an mit dem Zug nach Uppsala zu fahren? Aha, ein Fahrkartenautomat für Busfahrkarten. Wunderbar. Bedienkomfort: gut, Bezahlung: ah, er scheint mein Bargeld zu nehmen. Mit der Frage "an's Rote Kreuz spenden oder Gutschein?" war ich allerdings erstmal überfordert. Erst 30 Sekunden nachdem ich verwirrt auf "Gutschein" gedrückt hatte und als Antwort darauf ein kleines Zettelchen erhalten hatte, wurde mir klar, daß ich um ein Haar mein Restgeld (knapp 40 Euro) dem Roten Kreuz gespendet hätte. Naja, so schnell kann's gehen. Genial, so einen Automaten an einem Flughafen mit so vielen Touristen aufzustellen :)
01.09.2005 01:31:49Weiter im Text. Nachdem ich im Bus nach Stockholm überaus motiviert 10 Minuten an der besten Formulierung geknabbert hatte, wie ich auf schwedisch meine Sitznachbarin am besten frage, wie lange dieser Bus nach Stockholm fährt, und ich endlich diesen Satz rausgebracht hatte, stellte sich heraus, daß die gute leider kein schwedisch sprach. Na toll.
Wenigstens gab's die Zugtickets von Stockholm nach Uppsala sehr unproblematisch mit Kreditkarte und am Bahnhof konnte man sogar ein bißchen schwedisch sprechen, indem man Leute nach dem Gleis gefragt hat. Auch im Zug war's erschreckend einfach, mit der Dame gegenüber zu smalltalken, auch wenn sie manchmal noch verzweifelte Versuche gestartet hat, ins englische auszuweichen. Beharrlichkeit hilft aber wenn man schwedisch lernen und reden will, zur Not sagt man halt man kann kein englisch...
01.09.2005 01:35:27In Uppsala angekommen hieß es erstmal Regina kontaktieren und sich in der Jugendherberge, die für die nächsten 2 Wochen unser Domizil sein sollte, treffen. Vielleicht sollte man besser auf Wegbeschreibungen achten, damit man nicht 15 Minuten in die falsche Richtung läuft (nicht angenehm mit 25 kg Gepäck + dicke Jacke wenn's warm ist, und das war es...) Der Schwede, den ich nach dem Weg gefragt habe, hat natürlich auf deutsch geantwortet. Irgendwas mach ich noch falsch.
01.09.2005 01:42:03Erster Eindruck eines Supermarkts: leckere Sachen gibts da! Nur leider gibts kein Shampoo für Herren, dafür 2 Regale voller Knäckebrot. Vielleicht sollte man seine Prioritäten hier anders setzen. Oder einfach Frauenshampoo benutzen.
Es gibt sogar Haferfraß!

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Außerdem gibt's Kryddost, Gewürzkäse, Käse mit Kümmel und Nelken. Sehr lecker.
01.09.2005 02:02:47In unserem Jugendherbergszimmer: Notebook anschalten - "Es konnte keines Ihrer bekannten drahtlosen Netzwerke gefunden werden. Möchten Sie sich mit dem offenen drahtlosen Netzwerk 'uvsurf' verbinden?" Hmm, warum nicht, *klick* - "ok, Sie sind jetzt online." Oh! Das ging aber schnell. Danke, an wen auch immer.
Nachdem die ersten Tage ganz im Zeichen der Umgebungserkundung standen und wir (Regina und ich) jeden Tag mindestens 5-10 km in alle Himmelsrichtungen gelaufen waren...

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(Schloß und Kunstausstellung, die blauen Skulpturen links)
...war am Samstag erstmal weggehen angesagt. Ich hab gleich mal dem mir zugeordneten "Buddy", der Schwedin Anna-Lotta, eine schwedische SMS formuliert (dauerte ca. 10 Minuten) und gefragt, was man Samstags machen kann. Statt einer Antwort klingelte mein Telefon, und wieder mal war ich völlig überfordert, weil wir versucht haben, uns irgendwo zu verabreden, aber sie nicht wirklich langsam gesprochen hat und ich zudem unglaublich aufgeregt war wegen meinem ersten schwedischen Telefonat. Den konkreten Teil (wann und wo) haben wir dann auch auf englisch gemacht :) Wir waren auf einer Party für schwedische Ersties, was unglaublich komisch war, weil die alle ganz lustige Punkfrisuren hatten und selbstbemalte und beschriebene Kleider und Schilder um den Hals, und die Ersties hatten ganz viele Tänze zu Charts-Liedern eingeübt und haben die dann total motiviert aufgeführt. War echt lustig, und das Bier war sehr billig :)
Später am Abend hat uns Anna-Lotta ihre Uni gezeigt, bzw. den neugebauten Palast in dem zufällig auch Forschung betrieben wird. Unter dem Namen Angström Laboratories haben die da ein Gebäude in die Landschaft gestellt, wie ich es vorher noch an keiner Uni gesehen hatte. Unglaublich schönes Design, tolle moderne Architektur, kleine Sitzgruppen zum Arbeiten überall, viele Computerplätze, und im Keller eine ganze Batterie von Mikrowellen (mindestens 8), wo die Studenten ihr Essen warmmachen können. Öffentliche Mikrowellen gibt es hierzulande scheinbar sehr oft - sogar hinter der Kasse vom ICA (die größte Supermarktkette) gibts eine für die Kunden. Was es nicht alles gibt.
01.09.2005 02:07:17Am folgenden Montag gingen die Einführungsveranstaltungen los. Aber jetzt geh ich erstmal ins Bett, bin so müde, und muß morgen umziehen, mehr später...
05.09.2005 22:30:14OK, die Einführungsveranstaltungen für internationale Studenten.
Bei genialstem Wetter (25 °C und Sonnenschein) hatten wir unsere erste Stadtführung, auf englisch. Die Hälfte unserer Truppe waren entweder Deutsche oder Juristen, viele davon beides... Naja, wird vielleicht noch besser.
Wurde es leider nicht, zumindest nicht am gleichen Tag - irgendwie scheint man als Deutscher irgendeine Art von Nationalmagnetismus auszustrahlen, so daß sowohl nachmittags beim Fika (Kaffee) als auch abends bei der Pub Night zu 90% Deutsche an meinem Tisch saßen. Fika ist eine Art Kaffeetrinken, bei der es nur ungesunde, klebrige Teilchen gibt und Kugeln aus 80% Butter, 19% Zucker, 1% Kakaopulver, und dann noch mindestens 25% grobkörniger Zucker außenrum. Mindestens. Wenn nicht 30.
Anyway. Abends war dann Pub Night bei Smålands, wieder nur Deutsche am Tisch. Frustration beginnt sich einzustellen. Der Typ hinter der Theke sagt den Preis auf englisch. Dafür ist der Cider lecker. By the way - hier gibts soooo leckeren Päroncider (Birnencider).
05.09.2005 22:53:09Dienstags drauf, 23.8., zog jemand neues ins Jugendherbergszimmer neben uns ein - ein total lustiger Biostudent aus dem Libanon, der sich gleich mal zu uns gesellte und zum Fika bei der Västgöta Nation mitging.
An dieser Stelle vielleicht kurz was zu den Nations: In Schweden gibts an jeder Uni für jeden Teil des Landes eine "Nation", insgesamt 13, von Stockholm's über Upplands, Västgöta, Östgöta ... bis zu Norrlands. Das ist eine Studentenorganisation, in Deutschland wohl am ehesten mit einer Verbindung zu vergleichen, allerdings nicht wirklich politisch. Außerdem muß hier jeder Student einer Nation beitreten, was die ganze Sache etwas heterogener macht. Wenn ich das richtig mitbekommen habe treten die meisten Schweden der Nation aus ihrer Heimat bei. Die Nations haben fast alle tolle Häuser im Zentrum, außerdem sind sie die einzige Möglichkeit, abends billig wegzugehen. Die meisten haben ne Bar + Gastronomie, alles von Studenten betrieben. Da gibts dann Bier für 25 Kronen (ca. 2,80 E) und Nachos mit Käse oder Burger oder Pommes oder so, auch viel Vegetarisches.
Zurück zum Fika bei der Västgöta Nation: Hier passierte sonst nix besonderes.
05.09.2005 23:26:03In diesem Stil gings die ganze Woche weiter, nachmittags Fika bei ner Nation, abends Pub Night bei ner anderen Nation. Da alles für international students organisiert war, traf man natürlich größtenteils nur auf solche.
Der bisher ergiebigste Tag, was Bekanntschaften angeht, war der Donnerstag, an dem Tag war ne Pub Crawl organisiert. Jeder mußte eine Nummer von 1-13 ziehen und mußte mit allen mit der gleichen Nummer auf Tour gehen. Es gab somit auch 13 Führer, die ihre Gruppe durch die Pubs von allen Nations scheuchten. Da es so viele Nations waren, wurden wir angehalten, maximal 20 Minuten für unser Getränk zu benötigen...
Gerade durch das Mischen der Leute lernt man sehr viele neue Austauschis kennen, was in diesem Fall zwei Finninen, ein Holländer, ein Däne und zwei Deutsche waren. Mit fast allen davon gehn wir noch heute öfters auf Tour.
Freitags abends gabs Buffet bei Värmlands Nation. Essen war lecker, flüchtige Kontakte wurden gefestigt, eine Mailinglist wurde geplant und später angelegt, man lernte schwedische gesellige Trinklieder. Eins geht so:
Helan gåååååår, sjung hopp fadde-rallan-lallan-lej, helan gåååååååår, sjung hopp fadde-rallan-lej! Och den som inte helan trår, han heller inte halvan får! HEEEEELAN GÅÅÅÅÅÅR! Sjung hopp-fadde-rallan-LEJ! (Übersetzungen gibts auf Anfrage)
Regina und ich werden immer aufgeregter, weil wir rausgefunden haben, wo wir ab 1.9. wohnen werden - in einer neu angelegten Studentensiedlung 7 km von der Stadt weg, mit riesigen Zimmern und riesigen Mieten. Wir konnten vorher scheinbar nicht einziehen, weil die Häuser schlichtweg noch nicht fertig waren. Naja, wir waren gespannt, mal kucken wie's wird, sich für was anderes bewerben kann man immer noch.
In unser Viererzimmer in der Jugendherberge ist mittlerweile ein sehr netter Franzose eingezogen, wir sind jetzt zu dritt. Ist alles extrem eng, wir fiebern dem großen Umzugsdonnerstag entgegen...

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06.09.2005 00:01:58(Anmerkung: Das schwedische å ist kein a, kein ä und erst recht kein öeöeööööe, sondern ein ganz normales deutsches O wie in Kohlenkeller oder Rosengarten.)
Aber erstmal geht die Uni los. Erster Kurstag, Protein Engineering, alles klappt wunderbar. Der Kursleiter erzählt uns was wir so machen. Alles unglaublich interessant, der Typ ist Consultant für einige Biotech-Firmen und kriegt von denen immer aktuelle Probleme, die noch nie jemand gelöst hat. Diese gibt er dann an seine Studenten weiter, und bisher hat's wirklich noch fast jedes Jahr eine Gruppe aus dem Protein Engineering Kurs geschafft, das jeweils aktuelle Problem zu lösen. Sehr motivierend ist, daß man überhaupt nicht weiß, ob man es überhaupt lösen können wird - aber man wird nicht am Erfolg gemessen, sondern an den Anstrengungen und am Lernerfolg. Das Kursklima ist unglaublich locker und motivierend - "Wenn ihr mal zu nem Unternehmen in Stockholm fahren wollt, sagt bescheid, dann telefonier ich mit ein paar Leuten, dann machen wir das. Und wenn ihr mal mit dem Kurs in die Oper wollt, dann machen wir das auch. Ich organisier uns nen Bus." Einfach klasse. Und jeden Morgen gibts Kaffee und Kekse. Was will man mehr.
06.09.2005 00:20:08Ein Fahrrad braucht man hier definitiv. Bus kostet 20 SK (2,20 E) pro Einzelfahrt, alles ist flach. *Jeder* fährt Rad. Kinder, Arbeiter, Studenten, Profs. Glücklicherweise hab ich nach Christians Jahr hier in Uppsala sein Rad käuflich erwerben können. Unglücklickerweise jedoch irgendwo in Deutschland den Schlüssel vergessen / verloren, so daß das Rad in Uppsala irgendwo verschlossen rumstand. Na toll, wieder 60 E in den Sand gesetzt. Gefunden hatte ich das Rad schnell - und glücklicherweise war das Schloß doch nicht so dolle wie ich anfangs dachte, nach ner Viertelstunde hatte ich mein Fahrrad zurückgeklaut. Juhuuuu, mein Fahrrad! Endlich!!
06.09.2005 00:47:56Dann der spannende Tag - 1.9., Umzug nach Lilla Sunnersta. Regina, die Drückebergerin, hat sich natürlich am Tag vorher abgeseilt, indem sie ne andere Wohnung gefunden hat. Also hieß es alleine nach Lilla Sunnersta ziehen. Morgens erstmal Schlüssel abholen, noch schnell an die Uni zum Kurs, in der Mittagspause zur JuHe zum von der Uni bestellten Taxi, schnell nach Lilla Sunnersta, nur kurz das Gepäck ins neue Zimmer werfen... WOW! Ist *das* mein Zimmer? Egal, keine Zeit, mein Schlüssel hat gepasst, wird schon das richtige sein, erstmal zurück zum Taxi und ab zur Uni zur Nachmittagsvorlesung, dann zur JuHe das Rad holen und ab gehts, das neue Zuhause begutachten. Huiii, der Weg nach Lilla Sunnersta hat sich aber im Taxi nicht so gezogen wie mit dem Rad und 3 großen Tüten Gepäck... Mann, eine schnurgerade Straße durch die Landschaft, direkt von der Uni bis zu meinem Haus, ca. 5 km, ganz leicht hügelig. Das kann ja lustig werden. So, jetzt aber erstmal Zimmer begutachten. Was gibts denn da so... Alles riecht so neu. Oh, eine schicke Schreibtischlampe. Oh, sogar Bettdecke, 2 Kissen und Bezüge! Mikrowelle. Ein Wasserkocher, ein Wasserkessel (warum auch immer), eine Thermoskanne, eine Schublade voller Küchenzeugs wie z. B. extremst scharfe Edelstahlmesser, Käsehobel und so weiter. Ein Küchenschrank mit richtig viel Zeugs drin, 4 Teller, 8 Tassen, 4 Gläser, ne Schüssel, Platte, Schüsselchen, sogar ein Kaffeefilter... wow. Alles für mich! Ganz alleine! Naja, jetzt versteh ich wie die Miete sich berechnet. Und neben dem Schreibtisch noch ein Tisch und 2 weitere Stühle, ein Stuhlsessel und 2 geschmackvolle Bilder an der Wand. Huch!! Die Bauarbeiter haben einen Fernseher in der Ecke stehenlassen! Erst langsam werde ich mit dem Gedanken vertraut, daß sie ihn für *mich* stehengelassen haben. Nette Bauarbeiter, danke!
Ich verzichte auf das weitere Erwähnen von Kleinigkeiten in der Größenordnung Kühlschrank / Gefrierschrank. Das Erraten der restlichen Einrichtung bleibt dem Leser als Übungsaufgabe überlassen.
Oh Nein, das Internet geht noch nicht! Naja, dann räume ich halt das Zimmer ein... Es ist erst 18 Uhr, was mach ich denn jetzt den ganzen restlichen Abend ohne Internet? Erst langsam merke ich, daß man sich mit einem neuen Zimmer viel länger beschäftigen kann als man glaubt. Vor allem, wenn man nicht durch das Internet abgelenkt ist, bzw. durch die Leute, die einen anchatten und hören wollen, wie's einem geht :)
Um 24 Uhr merke ich, daß das Internet doch geht. (nicht-PC-interessierte Leser bitte im nächsten Abschnitt weiterlesen!) Hier gibts allerdings ein etwas schräges System, was Internetzugang aus den Wohnheimen angeht. Schräg im Sinne von - ich hab's noch nie gesehen. IP und DNS gibts per DHCP. Der erste HTTP GET request wird mit 301 auf netlogon.student.uu.se beantwortet, wo man sich dann über ein Web-Interface an nem (RADIUS?)-Server anmelden muß. Anschließend wird man permanent vom Logon-Server gepingt und wenn der Ping nicht erfolgreich ist wird man wieder rausgeworfen. Scheint ein großes Problem für alle Ersties mit ZoneAlarm zu sein, der per default kein ICMP Echo zuläßt. Man kann sich scheinbar hier als Fachmann sehr viel Essen verdienen :) Spaghetti waren lecker (danke Nadja!) :)
06.09.2005 17:39:02Die Einweihungsparty der neuen Wohnung durfte natürlich nicht fehlen. Leider lernt man die Mitbewohner nur beim Verlassen oder Betreten des Hauses kennen, und da noch nicht wirklich viele hier wohnen hielt sich das bisher in Grenzen. Glücklicherweise hab ich jedoch in der Einführungswoche ein paar Leute kennengelernt, so daß wir doch noch ca. 15 Leute waren. Als Problem von Lilla Sunnersta stellt sich schnell heraus, daß alle Leute ziemlich weit mit dem Fahrrad rausfahren müssen um erstmal hinzukommen, von Kantorsgatan (einem anderen Wohnheim das relativ zentral ist) ist man schon gut 45 Minuten mit dem Rad unterwegs. Aber nett war's trotzdem.
06.09.2005 17:52:58Am darauffolgenden Tag war wieder mal weggehen angesagt - es sollte ein Livekonzert mit 2 Bands bei der V-Dala Nation geben. Hier bestätigte sich, was vorher schon jemand erwähnt hatte, die Konzerte waren unglaublich kurz. Es ging erst um 11 los, jede Band spielte ca. 30 Minuten, dann war noch anderthalb Stunden Konservenmusik und um 2 war's aus.
Zudem mußte ich auf dem Hinweg erschrocken auf der halben Strecke zwischen Lilla Sunnersta und der Innenstadt feststellen, daß sich in meinem Vorderreifen absolut keine Luft mehr befand. Notdürftig versuchte ich dennoch, mich und das Fahrrad zum Treffpunkt für das Konzert zu bringen, was stellenweise nicht ganz einfach war. Schnell wurde mir klar, daß an den Heimweg so nicht zu denken war. Glücklicherweise hab ich von Anna, die wie Peter in Kantorsgatan wohnt, für die Nacht ein Dach über dem Kopf bekommen und konnte am nächsten Tag dort das Rad aufpumpen und kucken ob die Luft drinblieb - tat sie natürlich nicht. Sonntags ist das natürlich eine mittelschwere Katastrophe. Und Uppsala ohne Fahrrad ist einfach unmöglich. Also ging's am Montag gleich nach der Uni ab in's Fahrradgeschäft - das leider schon geschlossen hatte. Mist. Glücklicherweise gibts hier ein Elektro-Haushaltswaren-Audio-Computer-Wir-Haben-Alles-Geschäft, wo ich auch Fahrradflickzeug fand. Mit diesem konnte ich dann, nachdem ich mir einen Tag später den dazugehörigen Kleber gekauft hatte, zum ersten Mal in meinem Leben einen platten Reifen reparieren. Glücklicherweise konnte ich 2 Leute im Fahrradkeller und den Verkäufer im Fahrradladen fragen wie's geht. Die Schnittmenge aller Anleitungen, einmal durch den Plausibilitätsfilter gejagt, gab dann ein ganz gutes Ergebnis. Zumindest bleibt die Luft jetzt drin und ich bin wieder mobil. Uff.
08.09.2005 20:59:41Hej hej hej. Habt ihr schon vom sagenhafen Flogsta-Scream gehört? Jeden Abend um 10 Uhr gehen in der Studentenhochhaussiedlung Flogsta in Uppsala, mancherorts auch liebevoll Studentenghetto genannt, die Fenster auf. Aus irgendeinem der zig Hochhäuser schreit jemand so laut er kann, aus irgendeinem anderen Haus antworten ein paar andere, von irgendwoher schreits zurück, bis keiner mehr Lust hat. Dieses tolle Erlebnis konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, zumal bei Katha in Flogsta jemand auf dem Dach mit 40 Leuten seinen Geburtstag feierte und den lautesten Flogsta-Scream aller Zeiten veranstalten wollte. Mein subjektives Empfinden ist - es ist ihm gelungen, auch wenn ich zuvor noch keinen anderen gehört habe.
Und wieder mal zeigt sich, daß Lilla Sunnersta nicht sehr zentral liegt, man versucht sich so lange wie möglich vor der Heimfahrt zu drücken. Erst nach einem ausgedehnten gemütlichen Ausklingen des Abends bei Kerstin in Rackarberget (eine sehr zentrale Wohnsiedlung, da wollen alle wohnen) konnte ich mich endlich dazu aufraffen, heimzufahren... meine Bewerbung für Rackarberget ist schon abgeschickt, vielleicht wird's ja was.
08.09.2005 21:25:38Und wieder das gleiche. Nach einem Konzert in Kalmar's Nation wollte ich wieder mal nicht heimfahren... vielleicht sollte ich mir auf Dauer mal ne Connection in der Innenstadt organisieren, wo ich ne Matratze hab. Ideal wäre so ne Matratze in Rackarberget... Muß mal meine Connections dort fragen ob sie nicht Lust haben, mir zum Freundschaftspreis 2 m² ihres Zimmers zu vermieten. Ich seh den Aushang schon vor mir: "Student repariert Computer gegen Schlafplatz in Rackarberget. Zwei Stunden Aufwand entsprechen einer Nacht. Frühstück bevorzugt."
Der einzige Aushang, den ich bisher gedruckt aber noch nicht aufgehängt hab, handelt jedoch davon, daß ich eine Gitarre suche. Vielleicht meldet sich ja jemand. Irgendwie vermiss ich meine Instrumente schon. Aber wenigstens kann man hier im Zimmer ein paar Sachen dazu bringen, Geräusche zu machen.
Die Konzertnacht bei Kalmar's war unglaublich gut, hab sogar wieder eine CD erstanden, außerdem war das Konzert dann doch nicht so kurz wie das der letzten beiden Bands. Ist also wohl doch nicht so, daß in Schweden alle Konzerte nur 30 Minuten gehen. Uff, wieder mal Glück gehabt. Außerdem hab ich eine hundertprozentig sichere Methode gefunden, gaaanz viele Leute an einem Abend kennenzulernen. Ich hab mich mit Regina an so einen hohen Bartisch gesetzt, auf dem eine Riesenschüssel mit Bonbons stand. Im Fünfminutentakt kamen Leute, die ganz verstohlen auf die Riesenschüssel gekuckt haben und viele davon haben dann ganz lieb gefragt, ob sie ein paar kriegen (90% der Frauen) oder einfach mal mit der Hand reingelangt (90% der Männer). Wobei sich keiner überzeugen ließ, was zu bezahlen. Aber man konnte ein bißchen mit den Leuten reden, und das war echt gut, vor allem weil die meisten schwedisch gesprochen haben. Es geht also bergauf.
08.09.2005 22:32:11Hier in Lilla Sunnersta gibt es ein sehr interessantes System, wenn man seine Wäsche waschen will. Man kriegt zusammen mit den Schlüsseln zum Zimmer einen weiteren kleinen Schlüssel, dessen Bart in einer Plastikmarke steckt. Vor jedem der 3 Waschsäle hängt ein Brett (siehe unten) mit Zeitplan und ganz vielen Löchern, eins für jede Zeiteinheit (3 Stunden). Wenn man den Raum reservieren will, steckt man das Plastikteil in das entsprechende Loch, dreht den Schlüssel rum und zieht ihn raus, dann kriegt keiner mehr das Plastikteil raus außer man selbst mit dem Schlüssel. Wenn man dann dran ist, nimmt man's raus, steckt sein Zeug in die Waschmaschine, schließt den Raum mit seinem Zimmerschlüssel zu und schiebt nen Riegel vor, den man wiederum mit seinem Plastikteil blockiert, damit sonst niemand mehr ans Schloß kommt und die Tür aufschließen kann. Und wer mit seinem Schloß Mist macht, der wird entlarvt - denn es steht auf jedem Schloß die Zimmernummer drauf. Wenn man fertig ist dann steckt man das Plastikteil in die unterste Zeile, den sogenannten "Schloßparkplatz". w00t. Da hat sich jemand Gedanken gemacht.

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08.09.2005 23:06:07Vielleicht an dieser Stelle kurz was über das Uni-System hier: Es gibt 2 Semester pro Jahr, die Semester sind wiederum halbiert und man macht in einer Semesterhälfte für gewöhnlich nur einen einzigen Ganztagskurs (gibt dann 10 SWS) oder zwei kleine (jeweils 5 SWS).
Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie schwierig es ist, ein Erasmusjahr anzutreten, wenn der Koordinator seinen Job zum ersten Mal macht und gleichzeitig extremst chaotisch ist? Das allerwichtigste am Anfang ist, eine P-Nummer zu bekommen, ohne die existiert man für die Schweden nicht. Die braucht man hier für *alles*. Ja, wirklich. Man braucht sie um den Account für die Computer zu beantragen, um einer Nation beizutreten - und wenn man das nicht kann dann kommt man auch nicht in die Nation-Pubs rein weil man offiziell kein Student ist; man braucht sie um eine Codekarte für die Uni zu kriegen, man braucht sie sogar um einen kaputten Schirm im H&M umzutauschen. Aber man kann - unglaublich aber wahr - eine Pizza kaufen ohne seine P-Nummer zu sagen. Anyway, nachdem wir die endlich bekommen hatten (mußte erstmal noch beantragt werden, was der Koordinator normalerweise vor der Ankunft macht) konnten wir alles weitere beantragen und das riesige ToDo-Kartenhaus stürzte so langsam ein. Sehr gut.
01.10.2005 22:03:54Hm, lange nichts geschrieben obwohl viel passiert ist... Ich versuch's mal aufzuholen.
Donnerstags war ein Essen von CAMBIUS, das ist eine Organisation schwedischer Studenten der Naturwissenschaften, die sich um Austauschstudenten kümmern und denen bei Fragen und Problemen zu Verfügung stehen. Es waren ziemlich viele Austauschstudenten ca, ca. 100. Wiir wurden netterweise gezwungen, die Gruppen mit unseren bisherigen Bekannten zu verlassen, indem alle Herren einen Schuh ausziehen mußten und alle Damen sich einen Schuh vom Schuhberg aussuchen mußten und dann am Tisch neben dem Herren sitzen sollten, der normalerweise in dem ausgesuchten Schuh drinsteckt. Sehr wichtig war eine Präsentation, in der man in Form eines Sketches erfuhr, was man hier in Schweden alles tun sollte - und was man besser lassen sollte. Dazu gehörte:

- Beim Radfahren immer ein Fahrradlicht dabeihaben, auch bei Tag, sonst wird's teuer. Klingel auch. Autos müssen hier bei Tag immer ihr Licht anhaben.
- Alkohol über 3.5% gibts nur im staatlichen Systembolaget und in der Gastronomie.
- In Gaststätten darf seit neuestem nicht mehr geraucht werden. Hier rauchen eh nur ganz wenige. Dafür haben einige Leute kleine Säckchen mit Tabak, die man in Plastikdosen kauft und offensichtlich lutscht.
- Wenn man irgendwo zu Gast ist, zieht man die Schuhe aus.
- Auf Fahrräder ganz besonders aufpassen - die werden hier sehr professionell geklaut und in Stockholm wieder verkauft. Dafür kann man hier auf dem Flohmarkt frisch geklaute Fahrräder aus Stockholm kaufen...
01.10.2005 22:15:08Am Freitag darauf war meine erste Flurparty in Flogsta bei Eelko, dem Holländer. Da wir am nächsten morgen sehr früh nach Stockholm fahren wollten, mußte ich wieder mal feststellen, wie unvorteilhaft es ist, in Lilla Sunnersta zu wohnen. Glücklicherweise war Amy, meine Schuhpartnerin vom Tag vorher, auch auf der Party und wohnte nur 2 Häuser weiter, so daß ich auf deren Wohnzimmersofa schlafen konnte. Hoffentlich melden sich die Leute von der Wohnheimverwaltung bald und geben mir ein Zimmer.
In Stockholm war's dafür sehr schön, das Modern Art Museum ist sehr zu empfehlen. Essen ist allerdings im Zentrum extremst teuer.
Abends war in Uppsala "Kulturnatten" - die Kulturnacht. In der ganzen Stadt waren Konzerte auf ganz vielen Bühnen, richtig viele Leute waren unterwegs, alle Museen waren geöffnet und alles war kostenlos. War richtig was los in der Stadt. Es waren auch recht viele Polizisten da, die recht viele junge Leute kontrolliert haben und alle, die noch nicht 20 waren, mußten allen Alkohol auskippen den sie dabeihatten. Die anderen Schweden hat das alles nicht interessiert, die waren dieses Schauspiel wohl gewohnt.
01.10.2005 23:46:24Auf der WG-Party von Lars, wo erstmals richtig viele Schweden waren, hat man gemerkt, daß es nicht so ganz einfach ist, mit denen in Kontakt zu kommen, wenn man nicht selbst auf sie zugeht. Besonders gut geht es allerdings, wenn man ein bißchen schwedisch mit denen spricht, dann tauen die ein bißchen auf...
Anschließend haben wir ne Reggae-Party bei Västgöta Nation ausprobiert, dazu muß man aber nicht so viel sagen, außer daß es sehr voll war. Lange bleiben wollte ich aber eh nicht, weil ich am nächsten Tag meinen...
01.10.2005 23:55:16...Geburtstag feiern wollte! Und das hab ich auch getan. War sehr nett und fast alle sind gekommen. War auch ne gute Gelegenheit, meine erst zwei Tage vorher gekaufte Gitarre richtig auszuprobieren. Hat sich sehr gelohnt, sie klingt klasse obwohl sie recht günstig war. Hm, eigentlich hatte ich vor, hier nur interessante Sachen über Schweden reinzuschreiben. Also weiter mit der nächsten Woche.

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